Der Tschalga als soziokulturelles Phänomen

  1. Die Etymologie des Wortes “Tschalga“

Der Begriff “Tschalga“ hat eine konkrete historische Semantik. Das Wort stammt vom türkischen çalgı, was “Pfeifen“ oder “Musik machen“ bedeutet. Das Repertoir des Tschalgas umfasst Stücke mit orientalischer Herkunft. Die Musiker mischen und stilisieren Melodien mit verschiedenen Genrenuance. Als postmodernes und polyethnisches in seiner Ästhetik wird diese Erscheinung adäquat zum Massengeschmack umgesetzt werden.

Der Tschalga wird als ein Phänomen des Übergangs von der Patriarchalität zur Moderne, vom Dorf zur Stadt definiert. Er ist ein Kontrapunkt der Abgeschlossenheit und des Kanons und befindet sich im Zentrum des Überdenkens der Beziehung zwischen fremd und eigen.

Diese Erscheinung ist in den Kulturen aller balkanischen Völker bekannt und hierbei muss betont werden, dass differente politische und ideologische Voraussetzungen existieren, die ein Verhältnis zu diesem Phänomen formieren, nämlich – eine positive Aktualisierung des Begriffs “regionaler Balkanstil“, eine Tendenz zur Homogenisierung der balkanischen Identität und ein hochwertiges Interesse für die Explizierung dieser balkanischen bzw. bulgarischen Nationalidentität in einem europäischen Aspekt.

  1. Der Tschalga als kommunikativer Code

Der Tschalgadiskurs mit seinen semantischen Botschaften beeinflusst die öffentliche Rede und stellt in einem gewissen Sinne einen Kultur-Mainstream dar. Dieser Musikstil verkörpert das demokratischste Kommunikationsetikett, konkret – Nonformalität, Einfachheit, Familiarität und Körperlichkeit. Die Kommunikationsform entspricht dem Inhalt der Botschaft, die diese Art von einer populären Kultur expliziert. In diesem Informationsstrom hat die sprachliche Nachtricht der Tschalgatexte ein geringes intellektuelles Niveau. Die Musik selbst hat eine einfache rhythmische Struktur und bedient sich wiederholbare Stilelemente. In einem Kontext der nonverbalen Kommunikation kann der Tschalga als körperlicher Diskurs betrachtet werden, d. h. er spielt die Rolle des Katalysators der Körperlichkeit im öffentlichen und medialen Raum. Konkret bedeutet dies eine übertriebene, freizügige Darstellung von aufreizenden nackten Körper auf Bühnen und in Musikvideos.

Die Kulturantropologen behaupten, dass diese Musik in ihrer Herkunft eine rituelle Handlung darstellt, deren Inhalt viele verschiedene Elemente inne hat, die mit der Idee einer Flucht in eine utopische Welt verbunden sind. Andere Kritiker beschreiben dieses Phänomen als Teil der Tradition der plebejischen Kunst und des Karnevals –

mit ihrer materialistischen Vulgärphilosophie. Laut des Karneval-Konzepts Michail Bachtins, einer der wichtigsten russischen Literaturwissenschaftler und Kunsttheoretiker, wird die Volkskultur als Gegenkultur beschrieben oder in anderen Worten die Lachkultur des Volkes, die sich im Karnevalsfest manifestiert und gegen die hierarchische Ordnung opponiert. “Das Lachen baut sich gleichsam seine Gegenwelt gegen die offizielle Welt“ (Bachtin, Karneval, S. 32). Der Karnavalmodus “bestimmt nicht nur abstrakte Werte wie Gleichheit und Freiheit; er bestimmt auch die “Profanation“ des Behnemens, der Gesten und nicht zuletzt der Sprache“ (Langner, Zwischen Politik und Kunst, S.195). Diese Behauptungen sind aktuell und korrelativ im Kontext des Tschalgas. Der bulgarische Künstler Dobrin Atanasov definiert diese Musik als Teil der Pornoindustrie und als Gegenteil dessen, was Kultur leisten soll: “Tschalga sei nicht politisch, sondern feiere den Hedonismus und vermittle die Werte des Materialismus“. Anderseits ist das Publikum diser populären Musik die ungebildete Masse und die Schicht der Neuen Reichen, d. h. die Mafia. Von einem subkulturellen Phänomen wurde dieses orientalische Kultursubstrat im bulgarischen Raum zu einem Kennzeichen transformiert, welches das Wertsystem einer neuen Generation bestimmt.

  1. Der Tschalga als Kulturmodell

Mit dem Begriff Tschalga wird ein bestimmtes Kulturmodell gennant, das ein einfaches Modell der Welt bietet und eine geringste Vorstellung von der umgebenden Wirklichkeit darstellt. Diese Erscheinung ist eigentlich ein Paradox zur posttotalitären Entwicklung Bulgariens. Der sogenannte “Übergang zur Demokratie“ hat den Tschalga als Zeichen der Unabhängigkeit geschaffen. Sowohl für die Subkulturen als auch für die ungebildeten Gruppen und Individuen wurde es zur Gewohnheit die Freiheit auf einem anarchistischen und instinktiven Niveau zu erleben, d.h. Das unbeschränkte Feiern des neuen Regimes gegenüber der Disziplinargesellschaft fand ohne moralische Bedenken statt. Als ein Produkt des postkommunistischen Soziums hat der Tschalga sich als eine Art der Manifestierung der Freiheit erwiesen. Er konstruiert einen alternativen sozialen Raum der Gleichheit, in dem alles möglich ist; oder im andren Worten: es gibt laut Bachtins eine “zweite Wahrheit, die neben derjenigen des alltäglichen und unterdrückten Lebens existiert“.

Die Freiheit hat aber viele Aspekten und ein von denen ist nämlich die Tölpelhaftigkeit. In diesem Bezug ist es unmöglich den Tschalga als eine neue Kultur zu determinieren. Er entspricht allem was antikulturell ist und kann als Emanation des balkanischen Hedonismus beschrieben werden, in dem das Erlebnis nur mit der Körperlichkeit verbunden ist. Deswegen wird in Bulgarien den Begriff Tschalga sehr negativ konnotiert, dient als Zeichen des Underground und repräsentiert ganz explizit die Mentalität einer sozialen Gruppe, die ihre sogen. Tschalgaideologie hat.

Literaturverzeichnis

Bachtin 1969: Bachtin, M. Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Hanser, München 1969

Langner 2002: Langner, U. Zwischen Politik und Kunst: Feministische Literatur in den Niederlanden – die siebziger Jahre. Waxmann, New York, USA 2002

Internetquellen

Georgiev, T.: About the relationship between cultural knowledge and the semantic analysis of newspaper text, online unter: <http://research.bfu.bg:8080/jspui/bitstream/123456789/351/1/BFU_2012_02_Georgiev.pdf> (19. Jänner 2015)

Advertisements

Вашият коментар

Попълнете полетата по-долу или кликнете върху икона, за да влезете:

WordPress.com лого

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Промяна )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Промяна )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Промяна )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Промяна )

Connecting to %s