Der Roman “Konzert für einen Satz“ von Emilija Dworjanowa

“Die Musik unterscheidet sich von allen anderen Künsten dadurch, dass sie nicht Abbild der Erscheinung, oder richtiger, der adäquaten Obektivität des Willens, sondern unmittelbar Abbild des Willens selbst ist und also zu allem Physischen der Welt das Metaphysische, zu aller Erscheinung das Ding an sich darstellt.’
Nietzsche

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Emilija Dworjanowa ist eine der meist gelesenen Schriftstellerinnen Bulgariens und ihre Werke gehören zu den meist publizierten. Der Roman “Konzert für einen Satz“ ist ihr neuestes Buch. Es zeugt von der Fertigkeit der Autorin mit Worten umzugehen und führt den Leser zu jenen metaphysischen Grenzen, an denen die Musik und die Phrase zu einem ontologischen Ganzen verschmelzen. Das Werk besteht aus fünf “Konzerten“, der Chaconne (einem Thema mit fünf Variationen), welche eigentlich im Mittelpunkt des Buches steht, und der Coda.
Der Narrativ in diesem Roman unterliegt keiner chronologischen oder temporalen Konkretisierungen. Die Erzählung fängt von überall her an, sie verflechtet das Sujet, taumelt nach vorne, windet sich unschlüssig, webt das Labyrinth des Geschehens. Die Geschichte der Protagonistin Virginia, die eine Virtuosin auf der Geige ist und eine Violine des italienischen Meisters Maggini besitzt, markiert mit körperlich rythmischen Gesten den eigenartigen Kern des Werkes, zu dem sich die Nebenhandlungen integrieren. In der sprachlichen Partitur des Textes bleiben alle anderen Personen namenlos. Der Weg von jedem wird durch individuelle Herausforderungen markiert: für den Wächter vom letzen Teil – sind dies die Treppen; für die Frau vom ersten Konzert – die Untreue; für den Musikpädagogen vom zweiten und vierten Konzert – die Trauer um die gestorbene Ehefrau; für den Schüler vom letzten Konzert – seine eigene Aufführung; für Virginia – die Erinnerung und das geträumte Wien. Es ist kein Zufall, dass in der Textstruktur ganz explizit die Gestalt des Labyrinthes ausgeprägt wird, welches laut Mircea Eliade als Knoten, der aufgebunden werden muss, interpretiert werden kann. “Das Labyrinth lässt sich ansehen als Äußerlichkeit einer Erfahrung der Welt, aber auch als inneres “Gebäude“ der Seele, des Denkens“ (Klein 2008: 175).

Die Linienführungen dieses spirituellen Labyrinthes, in dem man sich verliert, um sich wieder zu finden, beginnen in den geheimnisvollen Dimensionen der Seele und motivieren eine Flucht aus der Stille, die von dem Schrei Munchs gesprengt wird. Laut Milena Kirowa hat die Flucht einen ursprünglichen Aspekt der erotischen Ekstase. Das Erotische ist ein Drang nach einer Verschmelzung mit dem Anderssein. Das Ekstatische kommt vom narzisstischen Vergnügen der Transfusion, von der Multiplikation jenseits der Grenzen der fixen Ideen von Wesen. Im Text Dworjanowas hat die Flucht verschiedene Erscheinungsformen. Auf der einen Seite wird sie als eine immanente Charakteristik des Weges, der die Grenzen der Wesen überschreitet, interpretiert. Der Geist Virginias ist vom rationalen Körper separiert, der in der Irrationalität des gebogenen Raum hingelegt ist. Die Farben der Seele, die in einer rythmischen Dissonanz pulsieren, betrachten sich in den deformierten Linien der Körperlichkeit.

Auf der anderen Seite wird das Fluchtmotiv in dem Roman durch die erotisch transzendentale Semantik interpretiert. La petite mort (der kleine Tod) oder mit anderen Worten – das Höchstvergnügen – der Orgasmus ist derjeniger Zustand, in dem der Körper sich von sich selber “ausgießt“.

Der kleine Tod des “bilderlosen Körpers“ ist der körperlicher Ausdruck der Eros, der sich durch die Musik manifestiert. Er – der Eros ohne Logos, quillt aus den Fingern des Geigers, der die Dreiklänge im unendlichen Faden ausbreitet. Es muss betont werden, dass der tatsächliche erotische Akt eigentlich vom wollüstigen Präludium generiert wird. Es handelt sich um die Romanszene, in welcher Maggini und Virginia verschmelzen – die Seele der Geige und der Virtuosin in einem androgynen Ganzen räsonieren. Diese Verschmelzung ist der Tod des Subjekts als Ich. Nur auf diese Weise wird die absolute Widmung der Musik, des Musikinstrumentes und der Liebe verwirklicht. Durch den Schnitt verwandelt der Mann den Körper Virginias in einen Korpus der Violine Maggini – die Geige, die eine Trägerin des melodischen Ideal ist; aber auch die eine, die die Farbe des Blutes verkörpert und ein blutiges Stigma auf dem Hals der Geiger hinterlässt:

“his hair sticks right up too, on his neck there’s a mind-boggling spot from the violin, no, it’s very big, mind-bogglingly big—the other violinists don’t have that big of a spot…and he is amazed and looks at me—what a spot!—a big spot, all red…“ .
“(…) recently I watched a movie, a thriller of sorts about a violin, whose bow was made with blood, the wife of the luthier died and he made a violin with her flesh, with her blood, ever since I see a violin and if its bow is red (…) yet that man made a violin with the blood of the woman, that’s right, she gave birth and died, and he took her blood out of sorrow and mixed it with varnish, that’s how the violin turned out red, and he didn’t create anything any more and the violin became an unfortunate violin, whoever owns it dies or something like that…“.

Hier macht der Text eine Verweis auf den Film von John Corigliano und François Girard „Die rote Violine“. Die Produktion stellt die Geschichte eines Musikinstrumentes dar, dessen „Seele“ in der Zeit reist. Die Hauptrolle wird tatsächlich von der Violine des italienischen Geigenbaumeisters Nicolo Bussotti aus Cremona gespielt. Seine Frau Anna stirbt bei der Geburt, wie auch das Neugeborene, und ihr Mann mischt das Blut seiner geliebten Frau in den Lack und färbt damit seine Violine rot. Auf diese Weise übernimmt das Instrument die Seele Annas und die Geschichte seiner Zeitreise vom 17. Jhd. Bis zur Gegenwart beginnt. Das Hauptthema in dieser Filmproduktion repräsentiert die Barockform der Chaconne.

Die Personifizierung der Violine setzt bilaterale Kommunikation voraus. Man muss sie sorgfältig und mit absoluter Präzision behandeln. Der Musiker soll sich ihr widmen, um sie zu beherrschen, um ihre Seele zu entdecken. Es ist nicht zufällig, dass Virginias Student durchfällt, als die volle Verschmelzung zwischen ihm und der Geige nicht realisierbar ist:

“[…] only a few steps are left, just a few notes, the string broke at the very end, a horror of sorts, but that’s not the problem, the problem was in the whole violin, I had to listen to her when she told me, leave that instrument, but she was so beautiful, so real, and she was becoming one with me, there were moments when I was feeling that she was a part of me, my member, standing straight up and I would raise the bow, she’s a man’s instrument, people who say that are right […] I became one with the violin, we were one whole, I thought that I have truly captured her soul…“

Die emotionale Undurchlässigkeit des Studentes führt zur “Impotenz beim Musizieren“, weil die Musik im Romandiskurs die Liebe verkörpert. Sie ist der Impuls, der die unaufhaltsamen Elemente des Eros freilässt. In diesem Zusammenhang hebt die Autorin selbst hervor, dass genau die Musik das passendste Medium ist, wenn der Eros der Gegenstand des Textes ist. Dworjanowa ergänzt, dass laut Kierkegaards Mozart der absolute Kompositor sei, denn er hat den absoluten Gegenstand der Musik in “Don Juan“ gefunden und dies sei eben der Eros. Musik sei der einzige Weg, wie sinnliche Genialität ausgedrückt werden könne, deswegen versucht die Schriftstellerin durch ihr Werk diejenigen Sprachgrenzen zu erreichen, jenseits derer sich die Sprache in Musik verwandle. Die linguistische Polyphonie und die “syntaktische Arrhythmie“ bringen die Empfindung hervor, dass die Sprache versucht, ein Medium zu finden, um die Sinnlichkeit, die jenseits der Wörter situiert ist, auszudrücken. Die Sprache selber kann nicht das Unmittelbare aussagen, da unbestimmbar ist, wo die Sprache aufhört und die Musik beginnt.

Am Ende dieser Erzählung, deren Poetik den Charakter einer Offenbarung hat, steht der Wächter, der als ein Vermittler um Erlösung der Stimmen, die poco a poco crescendo in der gedürsteten und lautlosen Einsamkeit schallen, bittet…

Ut queant laxis

Resonare fibris

Mira gestorum

Famuli tuorum

Solve polluti

Labii reatum

Sancte Johannes

Literaturverzeichnis

Deleuze und Guattari: Deleuze, G. und Guattari, F. Kapitalismus und Schizophrenie, Frankfun am Main, 1974.

Klein: Klein, J. England und der Kontinent. Subjektivität und Imagination von der Renaissance bis zur Moderne, Frankfurt am Main, 2008.

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